alpha Literaturforum - Barbara Frischmuth: Verschüttete Milch

Buchbesprechung

 

Montag, 07.10.2019

19:00, Club alpha

Adresse: 1010 Wien, Stubenbastei 12/14, 2. Stock

Einführung: Ellna-Maj Schedelberger und Anneliese Stoklaska

alpha Literaturforum - Barbara Frischmuth: Verschüttete Milch

„Verschüttete Milch“  ist ein Erinnerungsbuch, aber es ist auch ein Buch über das Erinnern: "Wenn man so etwas schreibt, kommt man drauf, wie unverlässlich die Erinnerung ist und wie sehr sie von Emotionen geprägt ist", sagt Barbara Frischmuth.

Das weiß auch Juliane. "Die Kleine" heißt sie im ersten Abschnitt, "Juli" im zweiten, und erst im dritten und letzten Kapitel "Juliane". Sie ist - wie Barbara Frischmuth auch - die Tochter von Hoteliers aus dem Salzkammergut, einem geschichtsträchtigen Ort. Hier hat einst der Kaiser Urlaub gemacht und viele jüdische Künstler auf Sommerfrische haben sich in den Seeorten Grundstücke und Villen gekauft. Ab 1938 gab es rund 250 Enteignungen. Gemeinsam mit Juliane versucht Barbara Frischmuth  anhand von Fotos ihre Kindheit in dem „Dorf im Gebirge“ zu rekonstruieren, einem Ort, der seiner geografischen Abgelegenheit zum Trotz ein Brennspiegel der Zeitläufe und Schicksale war. Sie hat in Bibliotheken recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen und dadurch Erinnerungen geweckt, etwa die Erinnerung an die so genannte "Alpenfestung, ein Refugium für diese Bonzen, die Urlaub vom Töten haben wollten",

 

Im Dorf nämlich saßen „Heil und Unheil Tisch an Tisch zur Sommerfrische“, erst recht, wenn die eigene Familie ein Hotel mit Restaurant betreibt: Da gab es die Einheimischen und bald auch die aus der Stadt Evakuierten, frühere Sommerfrischler und aus dem Krieg Heimgekehrte. Da gab es einquartierte Rumänen und Ungarn, später amerikanische Besatzungssoldaten; Sympathisanten des Widerstands und frühere Illegale, auf Almen versteckte Ex-Nazi-Bonzen und jede Menge vom Krieg Angeschwemmte. Vor allem aber gab es auch die klaffenden Lücken – jene Lücken, die die toten, im Krieg gefallenen Männer und Söhne im Dorf hinterlassen hatten, auch der tote Vater, an den „die Kleine“ keine rechte Erinnerung mehr hat.

All das macht die Kinderwelt dieses Romans zu einem magischen Raum, der in einer wirren Zeit viele Anlässe zum Rätseln und Staunen bietet.

Barbara Frischmuth gelingt es, das Lebensgefühl ihrer Kindheit in einem unaufdringlichen Erzählton heraufzubeschwören, auch mit ein bisschen  Augenzwinkern, was der umfassenden positiven Grundstimmung des Buches entspricht, bei dem nichts schlechtgeredet werden soll, aber auch nicht in Schönfärberei verfallen wird.

Aus dem Abstand von Jahrzehnten und befragt und überprüft die Autorin ihre Vergangenheit. Was immer persönliche Erinnerung auch sein mag, eines ist für Barbara Frischmuth sicher: „Erinnerung ist begrenzt, beschränkt, auf die eigene Person bezogen oder verdrängt, durch einen Filter gesehen, der das Unerträgliche zum Verschwinden bringen soll. Mit einem Wort, unzuverlässig.“
 

CV Barbara Frischmuth

Geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und ist seitdem freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebt seit einigen Jahren wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979). Zuletzt bei Residenz erschienen: „Die Klosterschule" (2004), „Bindungen" (2013) und "Machtnix oder Der Lauf, den die Welt nahm" (Neuauflage 2018, Erstausgabe 1993).

Barbara Frischmuth

Verschüttete Milch

Roman

Gebunden mit Schutzumschlag, 286 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03710-9

21,50 € *)

Inkl. 7% MwSt.

 

Freier Eintritt. Um Anmeldung wird gebeten.

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